Zum Stück
Urfaust
Der Urfaust ist die erste uns erhaltene Fassung
des Dramas und zeigt den Zustand, den es im Winter 1775/76 hatte. Hier
sind schon beide Kerne des Dramas enthalten: Die Gelehrten- und die
Gretchenhandlung. Der Urfaust ist der Sturm- und- Drang- Faust des jungen
Goethe. In dieser ersten Fassung ist die Schlusspartie der Szene Nacht mit
dem gewaltigen, im Todeswunsch gipfelnden Monolog und dem anschließenden
Ostergesang noch nicht enthalten. Die Hexenküche ist nicht vonnöten, da
Faust kaum älter als dreißig, noch keiner Verjüngung bedarf, um voller
Leidenschaft für Gretchen zu erglühen. Seine erste Begegnung und die
Wette mit Mephisto kommen ebenfalls erst im Faust I dazu. Aber fast mehr
als im Gehalt unterscheidet sich der Urfaust in der Form von dem späteren
Werk. Wichtige Szenen, die später in Versen erscheinen, haben hier eine
kraftvolle, leidenschaftliche Prosa.
Faust
"Fausts Charakter, auf der Höhe wohin die
neue Ausbildung aus dem alten rohen Volksmärchen denselben hervorgehoben
hat, stellt einen Mann dar, welcher, in den allgemeinen Erdeschranken sich
ungeduldig und unbehaglich fühlend, den Besitz des höchsten Wissens, den
Genuss der schönsten Güter für unzulänglich achtet, seine Sehnsucht
auch nur im mindesten zu befriedigen, einen Geist welcher deshalb nach
allen Seiten sich wendend, immer unglücklicher zurückkehrt."
Auffällig an Goethes Äußerung von 1826 ist, dass
nicht von Titanismus, von heroischer Gottgleichheit, vom Streben ins
Unbedingte die Rede ist, was wir heute als das "Faustische"
bezeichnen. Stattdessen werden Ungeduld und Unbehaglichkeit "in den
allgemeinen Erdeschranken" festgestellt, Ungenügen an Wissen und
Genuss, unbefriedigte Sehnsucht und unglückliches Bewusstsein. Insofern
ist Faust ein junger, hochbegabter Mensch, der zwischen Überheblichkeit,
Anmaßung, Selbstüberschätzung und andererseits Zerknirschung,
Selbstzweifel, Lebensangst und dem Gefühl der Vergeblichkeit hin- und
hergerissen ist.
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