Urfaust |
"Heinrich, Heinrich!"von
Thealinde Reich, Siebenbürgische Zeitung, 31. Januar 2005 |
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Drama, Komödie und Tragödie in einemRohtraut
Wittstock im Gespräch mit Ingrid Gündisch über ihre Regiearbeit,
Allgemeine Deutsche Zeitung, 7. Januar 2005 |
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Die Urfaust-Inszenierung war bemerkenswertAus
einem Leserbrief,
Allgemeine Deutsche Zeitung, 30. Dezember 2004 |
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„Heinrich, Heinrich!“von Thealinde Reich, Siebenbürgische Zeitung, 31. Januar 2005 |
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Goethes „Urfaust“ an der deutschen Abteilung des Radu Stanca Theaters in Hermannstadt Im deutschen Feuilleton gibt es seit längerem ein Diskussion darüber, wie das Theater der Zukunft aussehen wird. Hat das Regietheater, dem viele Stückezertrümmerer anhängen, ausgedient? Kommen die texttreuen Regisseure wieder mehr zum Zug? In Zeiten von Arbeitslosigkeit und Theatersterben kehrt eine neue Ernsthaftigkeit auf die Bühne zurück. Damit geht eine Besinnung auf das kulturelle Erbe einher. Man denkt öffentlich darüber nach, dass es die Aufgabe des Theaters ist, dieses Erbe zu pflegen und es in das Bewusstsein der jungen Generation zu heben. Dieser Auftrag gilt auch für das Hermannstädter Theater, das unter viel schwierigeren Verhältnissen bestehen muss. Dessen Publikum definiert sich als Minderheit auch über dieses kulturelle Erbe und wünscht sich deswegen die Klassiker auf die Bühne.
Urfaust. Roger Parvu (Faust) und Johanna Adam (Gretchen). Foto: Radu Stanca Theater Goethes „Urfaust“ ist zeitlos, also auch modern. Die Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion?“ gehört in einer offenen Gesellschaft zum Alltag. Wenn ein Katholik ein evangelisches Mädchen, eine Muslimin einen orthodoxen Mann oder ein konfessionsloser einen gläubigen Partner nimmt, stellt sich die Frage nach der Religion. Sie ist wieder wesentlich geworden. Das Erstaunliche am „Urfaust“ ist, dass der Text wenig historischen Ballast enthält und dass sich die oft sehr kurzen Szenen wie im modernen Film in schnellen Wechseln aneinander reihen (Short Cuts). Man kann das Stück als frühe Fassung des berühmten Klassikers lesen oder als geniales, eigenständiges Sturm -und- Drang-Werk, wie es die Regisseurin Ingrid Gündisch tut. Wunderbar, wie in dieser Inszenierung mit Farben umgegangen wird: Das Bett ist weiß und weiß der Tüll, der bis in den (Theater)Himmel geht und wenn man so will, auf die Verbindung zum Göttlichen (im Glauben und in der Liebe) hinweist. Das Kostüm von Gretchen ist weiß. Später liegt eine rote Decke auf dem Bett; Gretchens Puppe hat ein rotes Kleidungsstück, Mephisto einen roten Sakko, Marthe ein rotes Kleid und der Rotwein perlt (in Form von unzähligen Seidenschnüren) vom Himmel. Der Tüll vom Himmelbett wird in der Domszene zur Kuppel. Zum Schluss ist das Bett abgeräumt und Mephisto schnürt Gretchen, die unschuldig Schuldige, in eine weiße Zwangsjacke. Weiß, Rot und Schwarz sind die Farben der Inszenierung. Eine Farbensprache, die die Geschichte auf ihre Art erzählt (Bühnenbild und Kostüme Florilena Fărcăşanu-Popescu, Nationaltheater Bukarest). Der „Urfaust“ in Hermannstadt ist eine schlichte, moderne, aber keineswegs modisch überspannte Inszenierung. Der Zuschauer wird von einem nachdenklichen Faust erwartet. Herztöne sind zu hören und weisen, wie auch der mit Föten bestückte Arbeitstisch und später Gretchens Puppe, darauf hin, dass es hier ein totes Kind geben wird. In der Lesart der Regisseurin ist Faust (Roger Pârvu) ein hochbegabter, junger Mann mit übertriebenem Selbstbewusstsein. Ihm fehlen Glaube, Liebe, Hoffnung. Er ist nicht ein Titan, ein Halbgott, der die Welt verändert. Heinrich Faust wird sich enttäuscht von seiner Forschung (Experimente an toten menschlichen Embryonen) abwenden und mit Mephisto (Mircea Dragoman) in die Niederungen des Alltags begeben. Die Regisseurin bezieht den ganzen Raum in das Bühnengeschehen mit ein, was für einen gelungenen Überraschungseffekt sorgt: Das Trinkgelage in Auerbachs Keller beginnt mitten unter den Zuschauern im Saal. Faust wird gegen die Normen der Gesellschaft verstoßen, Gretchen (Johanna Adam) verführen und sie im Stich lassen. Gretchen wird in höchster Verzweiflung ihr uneheliches Kind töten. In Goethes „Urfaust“ kommt Gretchen in den Kerker und wird gerichtet. In der Hermannstädter Interpretation verfällt Gretchen dem Wahnsinn und kommt in die Zwangsjacke, bleibt also mit ihrem Leid und ihrer Schuld sich selbst überlassen. Diese Bilder des verirrten Gretchens prägen sich dem Zuschauer tief ins Gedächtnis und ihr Schrei „Heinrich! Heinrich!“ in der Schlussszene auf der unbeleuchteten Bühne geht durch Mark und Bein. Eine bewegende, genau gearbeitete und deshalb sehenswerte Inszenierung, bei der die Schauspieler zeigen dürfen, dass Goethes Text auch heute nicht an Aktualität entbehrt.
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Drama, Komödie und Tragödie in einemRohtraut Wittstock im Gespräch mit Ingrid Gündisch über ihre Regiearbeit, Allgemeine Deutsche Zeitung, 7. Januar 2005 |
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Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Inszenierung von Goethes „Urfaust“ der jungen Regisseurin Ingrid Gündisch aus Deutschland. In einem Gespräch mit Ingrid Gündisch konnte Rohtraut Wittstock mehr über ihre Entwicklung und Regiearbeit erfahren. Vor Kurzem ist der Regisseur Peter Palitzsch gestorben, der letzte große Brechtgefährte. Sie haben für ihn gearbeitet. Was hat die Arbeit bei Peter Palitzsch für Sie bedeutet? Ich war seine Assistentin bei "Onkel Wanja" von Tschechow am Theater Basel. Peter Palitzsch begegnete jedem Menschen mit großem Respekt. Sein Umgang mit den Schauspielern und die Art, wie er sich als Regisseur selbst zurückgenommen hat, ohne die Fäden jemals aus der Hand zu verlieren, haben mich sehr beeindruckt. Nach jeder Probe hat er das Ergebnis mit mir besprochen, und ich habe dadurch sehr viel gelernt. Er war es, der mir den Rat gab, Regie zu studieren. Sie haben dann an der renommierten „Ernst Busch" Hochschule für Schauspielkunst Regie studiert und erste Erfahrungen im Beruf gesammelt. Ja. Das Studium war sehr hart, aber ich habe ein solides Handwerk erlernt. In dieser Zeit habe ich ein Jahr lang am Berliner Ensemble für meinen Mentor Manfred Karge und für George Tabori gearbeitet. Die Begegnung mit diesen großen Regisseuren und mit den wunderbaren Schauspielern haben mich geprägt. Ich habe dann selbst zwei Inszenierungen am bat - Studiotheater in Berlin gemacht. Nachdem ich das Diplom als Schauspielregisseurin erworben hatte, wurde ich an das Schauspiel Köln engagiert. Was haben Sie in Köln inszeniert? "Yard Girl" von Rebecca Prichard, ein zeitgenössisches Stück. Es gab dreißig Aufführungen in Köln, und nun wird meine Inszenierung nach Hamburg verkauft, wenn ich mit dem Theater dort handelseinig werde. In Köln steht meine Inszenierung "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" von Fassbinder auf dem Spielplan. Wie sieht die Zukunft aus? Was für Projekte planen Sie? Ich werde in diesem Frühjahr ein weiteres Stück am Schauspiel Köln inszenieren und ich habe auch einen Lehrauftrag für Schauspiel übernommen. Sie haben den „Urfaust" am der Deutschen Abteilung des „Radu Stanca" Theaters in Hermannstadt inszeniert. Was hat Sie an dem Stück besonders interessiert? Heinrich Faust ist ein junger, hochbegabter Mann, der im Leben viel erreichen möchte, der aber an seine Grenzen stößt, verzweifelt, sich auf unlautere Mittel einlässt und immer unzufriedener zurückbleibt. Er lebt auf sich selbst bezogen, neigt zu Selbstmitleid und ist letztendlich nicht bereit, für sein Tun und Lassen Verantwortung zu übernehmen. Ein sehr moderner Charakter. Dieser Heinrich Faust ist nicht zu verwechselnmit dem Titanen aus Faust I und II. Aus der Perspektive von Faust ist das Stück ein Drama, aus Mephistos Sicht eine Komödie, und für Gretchen ist es eine Tragödie. Diesen drei Aspekten wollte ich in meiner Inszenierung gerecht werden. (...) Die nächste Aufführung ist für Dienstag, den 11. Januar, um 19 Uhr angekündigt. Wir wünschen dazu viel Erfolg.
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Die Urfaust-Inszenierung war bemerkenswertAus einem Leserbrief, Allgemeine Deutsche Zeitung, 30. Dezember 2004 |
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Es wurde eine bemerkenswerte Leistung geboten, in der Spieler und Regisseur sorgfältig gearbeitet haben. Mich hat manches an der Aufführung sehr beeindruckt. Ich bin fröhlich und dankbar heimgekehrt. Freilich kann man die Inszenierung in Hermannstadt nicht mit einer in Köln oder München vergleichen. Wir haben vor vielen Jahren in München Goethes Torquato Tasso erlebt. Diese Aufführung werden wir nie vergessen. Aber wir sind nicht in München mit seinen Millionen deutschen Einwohnern, sonder in Hermannstadt, wo die Theatertradition mehrfach gebrochen wurde und die Bühne erst seit einigen Jahren wieder neuen Wert und neue Qualität bekommt. Um die Mängel der Bühneneinrichtung usw. wissen wir, die wir regelmäßig ins Theater gehen, Bescheid. Und darum sind wir dankbar, dass wir vor Weihnachten den Ur-Faust erleben durften. Ein schönes Weihnachtsgeschenk. Auch registrieren wir positiv, dass klassische Theaterstücke geboten werden, vor einigen Jahren Schillers Kabale und Liebe, in diesem Jahr Ibsens Nora und Goethes Ur-Faust. In den klassischen Stücken kommt das Menschlich-Allzumenschliche und darum das die Zeiten Überdauernde besonders zur Geltung. Mit modernen Stücken kommen wir innerlich oft nicht mit, weil sie in einer Umgebung geschrieben wurden, die der unsern nur begrenzt vergleichbar ist. Es ist nun einmal nicht so, dass jene Stücke, welche die Welt des Westens reflektieren oder auch nur voraussetzen, selbstverständlich von uns verstanden werden, die wir einst hinter dem eisernen Vorhang lebten und jetzt andere Hoffnungen und Erwartungen an Mensch und Welt haben als jene donauaufwärts. Auch in Wien hat man ein anderes Lebensgefühl als in Hamburg. Darum wünschen wir uns in Zukunft gerade nicht vor allem moderne Stücke, die eine neuzeitliche Sprache bieten, sondern immer wieder auch solche, die wir in der Schule gelernt haben, solche, die nicht zu sehr an Raum und Zeit gebunden sind. Vielleicht kommt irgendwann auch die Zeit, wo unser Leben dem des Westens ähnlicher wird, dann wird das anders sein. Und hoffentlich findet sich irgendwann auch jemand, der hier für hier schreibt. Bis dahin aber möchten wir die klassischen Stücke nicht missen und möchten darum den Verantwortlichen des Theaters und den Spielern Mut machen, trotz aller Schwierigkeiten zu ihrer und unser aller Freude weiter abwechslungsreich wie bisher zu spielen. Wir denken und fühlen mit ihnen. Natürlich kann einiges besser werden. Aber wir haben Geduld und hoffen, dass wir noch viele gute Aufführungen erleben dürfen. Hans Klein, Hermannstadt
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