Welche Droge passt zu mir? |
Machen Sie das Beste aus Ihrem Drogentypvon Hans-Christoph Zimmermann, Bonner General-Anzeiger, 11. Mai 2005
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Eine Spielerei am verbotenen Objektvon
Rainer Hartmann, Kölner Stadt-Anzeiger, 7. Mai 2005 |
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Erfrischungsraum
Schauspiel:
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report-K |
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Machen Sie das Beste aus Ihrem Drogentypvon Hans-Christoph Zimmermann, Bonner General-Anzeiger, 11. Mai 2005 |
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Nun
macht er seinem Namen endlich Ehre. Der "Erfrischungsraum", wie
die neue Spielstätte im Kölner Schauspielhaus sich nennt, besitzt jetzt
auch eine Bar. Davor gruppiert sich ein Sammelsurium diverser Sitzmöbel,
vom einfachen Stuhl bis zur zebragestreiften Ottomane. Die allerdings ist
Hanna vorbehalten. Die
adrette Hausfrau aus Kai Hensels Monolog "Welche Droge passt zu
mir?" hat sich offensichtlich ein paar Gäste eingeladen. Die
Zuschauer sitzen um die Gastgeberin und nehmen an einer Drogen-Typberatung
teil. Der
Einstieg ist souverän. In modischen Schlaghosen und Bolerojäckchen
prescht Oda Pretzschner als Hanna auf die Spielfläche und powert los.
Jede skeptische Frage wird gleich vorweggenommen; sie zitiert Seneca,
demonstriert mit Hilfe von Dias die Zusammensetzung und Wirkung
verschiedener Drogen von Ecstasy bis Heroin und lässt vertrauenerweckend
eigene Erfahrungen einfließen. Die kleinen unvermittelten Juchzer und
Tanzeinlagen, das leicht Übersteuerte gehen zunächst glatt als Elan
durch. Regisseurin
Iris Gündisch führt eine Überzeugungstäterin vor, eine Gläubige, die
zwischen den Zuschauern hin- und hertigert; die jeden Einwand einfühlsam
oder mit Verve kontert. Eine Verve, die jedoch auch die Schwächen des Stücks
übertüncht. Hensels allzu ironisch vorgetragener Provokations- und
Entlarvungsgestus kann nicht verdecken, dass sich darunter letztlich ein dürftiger
moralischer Impetus verbirgt. Die
Stärke des Stücks allerdings liegt darin, dass es letztlich nicht um
Drogen geht. Seit den 80er Jahren verändert
sich das gesellschaftliche Bild vom Menschen; individuell, authentisch und
vor allem aktiv soll er sein, für sein Glück und Unglück selbst
verantwortlich. Dahinter verbirgt sich der Versuch, die gesellschaftlichen
Folgen der Globalisierung zunehmend in die Verantwortung des Einzelnen zu
verlagern. Die ansteigende Verschreibung von Antidepressiva spielt dabei
eine nicht unwesentliche Rolle. Kai
Hensels Hanna ist eine solche moderne Frau. Völlig vorurteilsfrei stellt
sie auch die Nachteile von Drogen vor. Was man hört, ist allerdings
nicht, was man sieht. Der unstillbare Durst, die übermotorisch
zerquetschte Wasserflasche, das Kratzen - geschickt, wie Oda Pretzschner
das zwischen exhibitionistischer und gesellschaftlich noch tolerabler
Geste variiert. Mitreißend dann wie der Elan dieser Figur, ihre
messerscharfe Kontur sich immer mehr als gläserner Film der
Undurchdringlichkeit erweist, der selbst dem privat scheinenden Anziehen
roter Socken noch den Hauch von künstlicher Authentizität verleiht. Alles bleibt Oberfläche, und wenn sie die Spielfläche verlässt, wissen wir von ihr nicht mehr als zu Beginn. Was diesen Abend streckenweise gelungen macht, liegt nicht am Stück, nur zum Teil an der Regie, sondern zu allererst an einer sehr guten Schauspielerin.
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Eine Spielerei am verbotenen Objektvon Rainer Hartmann, Kölner Stadt-Anzeiger, 7. Mai 2005 |
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Nein, Drogenwerbung ist „Welche Droge passt zu mir?“ nicht. Aber Autor Kai Hensel balanciert auf Messers Schneide, hoffend, dass die Ironie seines Textes erkannt wird: Hanna, 32, Mutter eines Sohnes, erzählt 70 Minuten lang davon, wie Kokain, LSD etc. die Existenz steigern, die Liebesfähigkeit fördern, Unabhängigkeit vielleicht sogar erst begründen. Sie redet und redet, trinkt zwischendurch Wasser aus Flaschen und gibt auch mal Stichwörter zu den Wirkstoffen. Erst gegen Ende kommt sie zu den mörderischen Nebenwirkungen. Von nun an ist Hanna vermutlich die Einzige, die sich Illusionen über Drogen leistet: ein nettes weibliches Bild vielfacher Abhängigkeit, eine Frau, die ihren Mann, wenn er nach Hause kommt, von Jacke und Schuhen befreit.
In
seinem 2003 in Freiburg uraufgeführten Drogen-Monolog für eine
Schauspielerin treibt Kai Hensel mit Entsetzen Scherz. Eine Spielerei am
verbotenen Objekt, gesellschaftspolitische Unkorrektheit ansteuernd. Der
Witz besteht nicht zuletzt darin, dass Hensel umdreht, was er gelernt hat.
Geraume Zeit nämlich arbeitete der jetzt 40-jährige Hamburger, der in
Berlin lebt, als Werbefachmann. Er kann durchschauen, wofür er die
Trommel rührt. Fachmann ist er auch in Theatertexten für eine Person.
Vor allem sein schulkritisches Stück „Klamms Krieg“, in Köln gezeigt
vom theater-51 grad. com, wird oft gespielt. Im Erfrischungsraum des Kölner Schauspielhauses schwärmt Oda Pretzschner von Pillen und Beutelchen, von „Linien“ und Nasen, deren Scheidewände freilich gefährdet sind. Sie findet unter Ingrid Gündischs Regie zum lockeren Ton die gebotene Selbstironie, serviert ihren Text quasi als Tablette vom Tablett, immer wieder auf Zuschauer(innen) zugehend, sie scharf fixierend. Soviel Sprech-Energie bedürfte nicht des übertreibenden Gestikulierens; es ist durchaus fehl am Platz im Gedränge der Sofas, Sessel, Stühle, die jetzt mit Hilfe der Bühnenbildnerin Gesa Klebe dem Erfrischungsraum einen Hauch von Salon geben.
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Erfrischungsraum
Schauspielhaus:
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Hier steht Sie, nett, adrett, fortschrittlich. Der rote Pullover, die Kombination, mit Militaryhose von Sinn Lefers, das Haar stylisch so wie man das als modern bürgerliche Frau heute so trägt. Sie plaudert Sie zu. Ihr Mann leitend, ihr Kind musisch, das Haus = Jugendstil Altbau. Alles Paletti. Sie selbst gut gebildet, Seneca zitierend, zieht Sie Ihre Bahnen durch den Erfrischungsraum = heute Salon, das Kölner Schauspielhauses. Wir, das Publikum, sitzen mittendrin, in bequemen Ledersesseln, süffeln Rotwein, Prosecco und dürfen an den Tischen mit Aschenbecher rauchen. Fühlen uns angesprochen, lachen bei Oda Pretzschner's (= Schauspielerin) überspitzten emotionalen Gesten, die in einer überkieksenden Stimme gipfeln und uns in die Welt der positiven Wirkweise von Drogen entführt. Lebensoptimierung könnte man den Drogenkonsum nennen. Wir, wir wollen gerne Ihr neunjähriger Sohn sein, der, hat Muttern sich Exstasy Pillen geschmissen, gemeinsam mit ihr baden darf. Sich mit Ihr durch den Schaum gräbt und an Ihrem Busen Ruhe findet. DIA-Projektion, wissenschaftliches, allumfassend, aber positiv die Hardfacts zu den Drogen, Ihren Wirkweisen und Nebenwirkungen, fehlt gerade noch der Kommentar „fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Oda Pretzschner wechselt hier virtous innerhalb des Bruchteils einer 10tel Sekunde von schnell wissenschaftlicher Rede in vorpubertär emotionalen Vortrag. Das Publikum schmunzelt. Grinst, bei Exstasy, so wie Gymnasiasten. Bei LSD so wie Easy Rider. Am Bahnhof, sieht sie einen jungen Mann, der verliert ein Plastiktütchen. Sie gibt es ihm wieder. Darin Exstasy Pillen, Sie will eine. Scheiße zu langsam, der junge Mann ist weg. Aufeinandertreffen im Zuhause, der junge Mann vom Bahnhof ist der Lehrling des Dachdeckerbetriebes. Drogenkontakt auf der häuslichen Toilette. Zwei Klischees, beide altbekannt, das bürgerliche Leben und die bunte Welt der Drogen fangen an sich ineinander zu verweben. Später wird es eine Nuance kälter, die Drogen härter, der Lehrling ist weg, die Beschaffung der Drogen wird in den klassischen Raum an den Bahnhof verlagert, aber die bürgerliche Dame prostitiuiert sich lediglich im ehelichen Bett, sie kann reflektieren, mit dem angolanischen Dealer einen Tag bei McDonalds verplaudern. Die gutbürgerliche Drogenkonsumentin gleitet ab, liegt mit Entzugserscheinungen auf der Bar des Erfrischungsraumes. Den jungen Damen die dort Prosecco trinken wird es mulmig... Wir werden gebeten uns unsere/ihre eigene Beerdigung vorzustellen... Das Premierenpublikum am 4.Mai 2005 war begeistert... Standing Ovations für Oda Pretzschner, und die waren mehr als verdient. Das einfache Wort Überzeugend, verbunden mit dem Zusatz absolut, muss man Oda Pretzschner für Ihre schauspielerische Leistung attestieren. Authentisch spielt sie mitten in den Zuschauern zwei Rollen, die eine messerscharf, klar, schnell in der Sprache, die intellektuelle Rolle. Die zweite, die emotionale Rolle gelingt Ihr so gut, daß gäbe es die Brüche nicht, man manchmal der Überzeugung ist Oda Pretzschner plaudert nett wie eine gute Freundin mit einem über Drogen. Da wird es nah. Das Stück des 1965 geborenen Autors Kai Hensel ein Spiegel. Mit überraschend genauer Beobachtungsgabe visualisiert das Stück die Klischees der modernen Welt und nutzt virtuos auch das Stilmittel der Interaktivität. In dieser konkreten Beschreibung liegt das wirklich groteske Entlarvende der Mittelstandsfrau die mit Drogen Ihr Leben aufpeppen will. Der Autor läßt uns nur in diesem einen Aquarium mitschwimmen, deren Bewohner er kennt, immerhin war er mal Werbetexter und sogar Chef einer Werbeagentur. Er blendet nicht das Straßenelend, als zweite Ebene ein. Und das ist gut so. Wir können einmal nicht fliehen, sondern müssen uns konkret mit einer Situation auseinandersetzen. Eine Perspektive, eine Reflektion, ohne eindimensional zu sein, gerade diese Reduktion und Öffnung ist die Stärke des Stückes. Wir können nicht zappen, sondern müssen hinsehen, hinhören, hineinfühlen. ---------------------------------- >>>
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