Kabale und Liebe


Ingrid Gündisch inszeniert Kabale und Liebe

von Renate Franchy, Siebenbürgische Zeitung, 25. März 2006

Schiller beim Wort genommen

von Hanns Mänhardt, Super Sonntag, 12. März 2006

Zielstrebig und doch entspannt

von Grit Schorn, Aachener Nachrichten, 10. März 2006

Menschsein zwischen Kalkül und Gewalt

von Sibylle Offergeld, Grenz-Echo (Belgien), 7. März 2006
 

In tödlichen Netzen der Intrige hoffnungslos verstrickt

Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten, 7. März 2006



 

 

Ingrid Gündisch inszeniert Kabale und Liebe

von Renate Franchy, Siebenbürgische Zeitung, 25. März 2006

 

Es war ein wunderbarer Theaterabend. Ingrid Gündisch ist es gelungen, den Reichtum des Stückes sichtbar werden zu lassen sowie seine Aktualität oder Modernität zu erkennen und zu vermitteln. Die Liebenden geraten in ein Getriebe von Erpressung, Nötigung, Kampf um politische Macht. Es geht Schiller nicht allein um Standesschranken, sondern die Regierenden selber werden als korrupte Bande entlarvt.

Die junge Regisseurin Ingrid Gündisch.

Mit einem ausgezeichneten Ensemble gelingt es der Regisseurin, die Handlung mit wahrem Leben zu füllen. Die junge schwärmerische Luise (Kaja Schmidt-Tychsen), natürlich und naiv, macht einen Reifeprozess durch, der in Todessehnsucht endet. Die romantische Liebe ihres Ferdinand (Florian Hertweck) gerät ins Wanken, vielleicht doch, weil er einem reichen Hause entstammt? Wurm (Harald Pilar von Pilchau), der Sekretär, gefährlich, weil so verklemmt, will nicht nur Einfluss, sondern auch Luise haben.

Kleine Gesten, fast Nebensächlichkeiten, alles bis ins Kleinste einstudiert und mit Leichtigkeit gebracht, lassen das Stück lebendig und glaubwürdig werden. Das Bühnenbild war genial: Millers Stube und Lady Milfords Gemach ließen sich aus zwei hohen "Schränken" öffnen, auf denen in warmem Licht überdimensionale Porträts aus der Schillerzeit prangten, warmes Licht, das sich als falsch und trügerisch erweist. Auch steht die moderne schlichte Kleidung im krassen Gegensatz zu den Porträts. Alles in allem eine überzeugende Inszenierung.
 

In einem Punkt jedoch waren sich die Zuschauer nicht einig: Die Regisseurin verzichtet bei der Inszenierung auf die letzte Szene, wo die Intriganten das Ergebnis ihres grausamen Spieles vor Augen geführt bekommen. Es ist anzunehmen, dass um diese Szene nur die Kenner des Trauerspiels von Friedrich Schiller wissen. Meine Tochter, die das Stück nicht gelesen hatte, wusste nicht, dass es noch weiter gehen könnte, vermisste also nichts. Dass auch die Phantasie ein wenig mithelfen sollte, sich das Weitere vorzustellen, dürfte der Gesamtinszenierung keinen Abbruch tun. Der Applaus am Ende war wohlverdient. Es ist doch sehr erfreulich, dass eine so junge Regisseurin es wagt, ein so bedeutendes klassisches Stück zu inszenieren.

 

 

 

Schiller beim Wort genommen

Überzeugende Inszenierung am Grenzlandtheater

von Hanns Mänhardt, Super Sonntag, 12. März 2006

 

Kabale und Liebe: Heute so aktuell wie damals.

Aachen. (...) Die junge Regisseurin Ingrid Gündisch zeigt mit ihrer Inszenierung, dass man Klassik nicht als ein „Experiment“ zu aktualisieren braucht, sondern gerade heraus den Dichter beim Wort nehmen kann. So zu verfahren ist gerade bei Schiller Gewinn, denn wenn sich auch die Gesellschaftsformen heute wesentlich verändert haben, seine Menschen bleiben zeitlos aktuell. Die Parallelen von der Uraufführung Ende des 18. Jahrhunderts bis dato 2006 sind mit Intrigen, korruptem Machtstreben und Nötigung offenkundig.

Ein Gesamtlob den Darstellern, die mit treffsicherer Sprache, Wortverständlichkeit und Textsicherheit über Grundvoraussetzungen für Aufführungen von Klassikern verfügen! Hinzu kommt die zugreifende Intensität der jeweiligen Rollengestaltung. So bei Kaja Schmidt-Tychsen als Luise mit gerader mädchenhafter Ausstrahlung sowie bei Florian Hertweck als in jeder Szene überzeugender Ferdinand. Beide werden zum schauspielerischen Mittelpunkt der Aufführung. Starke darstellerische Akzente setzen die Väterspieler Hans-Gerd Kilbinger (Präsident von Walter) sowie Ernst Wilhelm Lenik (der alte Miller), gute Bekannte auf den Brettern des Grenzlandtheaters. Faszinierend Carmen Heibrock als Lady Milford. Eugen May (Hofmarschall von Kalb) signalisiert wie stets seinen Beliebtheitsgrad beim Publikum und Zelijka Preksavec (Frau Miller) ist ein Zugewinn im homogenen Ensemble.

Charles Copenhaver schuf erneut ein praktikables Bühnenbild mit aufklappbaren Schauplätzen im schnellen Wechsel vom bürgerlichen Interieur zum Feudalen. Von den Wänden schaut die Aristokratie dem Geschehen – modisch wie zur Uraufführungszeit von 1784 herausgeputzt – dem Geschehen zu. Die Kostüme von Heike M. Schmidt unterstreichen den jeweiligen Rollencharakter.

Die Aufführung wurde vom Publikum mit Standing Ovations für das hervorragend agierende Ensemble bedacht.

 

 

 

Zielstrebig und doch entspannt

Überzeugende Inszenierung am Grenzlandtheater

von Grit Schorn, Aachener Nachrichten, 10. März 2006

 

Die junge Regisseurin Ingrid Gündisch weiß, was sie will. Im Grenzlandtheater inszeniert sie Schillers „Kabale und Liebe“ – und rührt zu Tränen.

Aachen. Am Premierenabend war sie erst mal sprachlos: So viel Lob, Anerkennung und stehende Ovationen bekam die junge Regisseurin, die am 16. März 29 Jahre alt wird, dass ihr „ ganz schwindlig“ wurde.

Ingrid Gündisch, die in Bukarest geborene Tochter deutscher Eltern, hat im kleinen Grenzlandtheater – scheinbar mühelos – über 200 Jahre „überbrückt“ und das Bürgerliche Trauerspiel „Kabale und Liebe“ frisch und funkelnd wortgetreu auf die Bühne gebracht. Und ganz im Geiste Schillers hat die junge Frau das „unstandesgemäße“ Liebespaar und insbesondere die Luise ins Zentrum ihrer Inszenierung gerückt.

„Erblich vorbelastet“ ist die talentierte Theatermacherin schon dadurch, dass sie aus einer Schriftstellerfamilie kommt. Als siebenjähriges Mädchen kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, in die Nähe von Freiburg im Breisgau. Ihr schönes dunkel – rollendes „R“ erinnert noch an ihre Bukarester Wurzeln.

Mit 16 Jahren wurde sie in die Jury vom „Treffen Junger Autoren“ aufgenommen – nachdem sie drei Mal diesen Schreibwettbewerb gewonnen hatte. Nicht viel später hospitierte sie bereits am Schauspielhaus Basel.

Doch wer in Ingrid Gündisch nun die beinharte Überfliegerin und ehrgeizige Aufsteigerin sieht, tut ihr Unrecht. Ganz unaufgeregt spricht sie von den Großen der Theaterzunft wie Tabori und Zadek, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Peter Zadek war einer ihrer Professoren an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.

Mit viel Humor und Wärme erzählt Ingrid Gündisch von ihrem Werdegang. (...) Vielfältige Kontakte führten sie zu immer neuen Aufgaben, ihr Französisch-Leistungskurs beim Abitur verschaffte ihr die Hospitanz in Basel – weil man unter anderem dringend eine Übersetzerin brauchte. Viele Nischen taten sich auf: Bei Peter Palitzsch spielte sie Klavier, sie eignete sich „praktische Kenntnisse“ im Malersaal an, und bei dem Theater – Magier George Tabori, der sie „meine kleine Rumänerin“ nannte, wurde sie Regieassistentin am Berliner Ensemble. Auch am Schauspiel Köln hat sie inszeniert, und im rumänischen Hermannstadt brachte sie im vergangenen Jahr Goethes „Urfaust“ auf die Bühne. Das war wohl eine rechte „Zitterpartie“, es war kalt, sie fühlte sich einsam, und ihr Zimmerwirt drehte abends „Strom sparend“ die Glühbirnen aus der Lampe.

Ganz anders erging es ihr am Aachener Grenzlandtheater: „So herzlich wird man selten aufgenommen“, freut sich Ingrid Gündisch, die von Intendant Manfred Lagner bereits „vorsorglich“ für die nächste Spielzeit engagiert wurde, „bevor dieses Talent für uns zu teuer wird“.

Wie schon in ihrer „Ernst-Busch“-Ausbildungszeit hatte sie auch hier klare Vorstellungen, las und schrieb viel, erstellte ein schlüssiges Gesamtkonzept – das man durchaus auch wieder umstellen kann, gemeinsam mit den Schauspielern, die hier zu einem „wunderbaren Ensemble“ zusammengewachsen sind. (...)

Kein Wunder also, dass in ihrer ebenso schnörkellosen wie anrührenden Inszenierung selbst gestandene Männer im Publikum zum Taschentuch greifen – wie in der Premiere zu beobachten war. Die junge Luise, unglaublich stark und lebensnah von der 24-jährigen Kaja Schmidt-Tychsen aus Rostock verkörpert, bleibt am Ende ohne Brautkleid.

Anders Ingrid Gündisch, die im bürgerlichen leben seit einigen Monaten verheiratet und „Frau Cloppenburg“ ist. Nach der standesamtlichen Trauung kommt jetzt noch die kirchliche Zeremonie – sie hält viel von Riten, auch die Hochzeitsrobe ist ihr wichtig. Ausgesucht hat sie sie schon, „natürlich nach altem Brauch ohne Bräutigam“. Und jetzt geht’s schnell nach Köln, damit das elfenbeinfarbene Gewand endlich abgeholt werden kann.

 

 

 

Menschsein zwischen Kalkül und Gewalt

von Sibylle Offergeld, Grenz-Echo (Belgien), 7. März 2006

 

Zeit für große Gefühle im Grenzlandtheater Aachen: Dort inszenierte eine junge Regisseurin Schillers letztes Sturm- und Drangwerk „Kabale und Liebe“ aussagestark, bewegend und kraftvoll.

Stehend applaudierten die Zuschauer nach einer mitreißenden Premierenaufführung. Ingrid Gündisch hatte das Spiel um Machtmissbrauch, Unterdrückung, Intrigen, Vorurteile und eine himmelsstürmende Liebe ohne eitles Formalgetue und mit festem Blick auf Friedrich Schillers dichte, farbige und bildreiche Sprache im Zeitlosen angesiedelt.

Kunstvoll und instinktsicher navigierte das Ensemble zwischen Sprachgewalt, Gefühlstiefe und dramatischer Emotion. Kein peinlicher Abrutscher ins hohle Pathos störte das aufs Wesentliche konzentrierte Trauerspiel. Echtheit schlug den Boden zur Gedanken- und Gefühlswelt des Theaterbesuchers und weckte Gleichklänge. Spielfluss ohne Leerlauf stützte den Spannungsbogen.

(...) Das Bühnenbild von Charles Copenhaver besticht durch Klarheit, schlichte Strenge und optimale Funktionalität. Edles Schwarz umrahmt Bildgestalten mit Spitzenjabot und Perücke, aufklappbare Wände schaffen neue Schauplätze. Die Kostüme von Heike M. Schmidt sind wie zeitlose und identitätsgebende Hüllen.

Dynamisch und kraftsprühend durchpflügt die prall gezeichnete Vaterfigur des diktatorischen Präsidenten von Walter (Hans-Gerd Kilbinger) die Szenerie. Sohn Ferdinand (Florian Hertweck) entwickelt sich im Laufe der Tragödie vom reagierenden Opfer zum agierenden Entscheider. In der Sterbeszene mit der Geliebten weckt sein Spiel Mitgefühl und Rührung.

Intensiv, einfühlsam und schnörkellos gibt Kaja Schmidt – Tychsen der Luise Miller Profil. Harald Pilar von Pilchau ist ein dezent auftretender Ränkeschmied „Wurm“ mit durchschimmernder Aasfresser – Mentalität, Carmen Heibrock eine rassig-elegante Lady Milford. Ernst Wilhelm Lenik überzeugt als Hofmusikus Miller durch Temperament, Beweglichkeit und Ausdrucksstärke.

Das wandelnde Gerücht Hofmarschall von Kalb (Eugen May) und Millers Eheweib (Zelijka Preksavec) sorgen mit stimmiger Gestik und Mimik für Auflockerung in Schillers bürgerlichem Trauerspiel. Die Problematik des Stück ist transponierbar. Noch heute wirken seine sozialkritischen Muster in zeitgenössischen Strukturen nach. 

Nach rund zweieinhalbstündigem Klassikerlebnis sind innere Barrieren des Zuschauers beiseite gefegt. Jetzt ist er offen, erreichbar und mitempfindend. Er räsoniert und sortiert eigene Befindlichkeiten. Schillers farbige Zeichnung menschlicher Fährtensuche hat ihn für kurze Zeit über den Alltag hinausgehoben. Fazit: Ein lohnender Theaterbesuch.

Alles bleibt Oberfläche, und wenn sie die Spielfläche verlässt, wissen wir von ihr nicht mehr als zu Beginn. Was diesen Abend streckenweise gelungen macht, liegt nicht am Stück, nur zum Teil an der Regie, sondern zu allererst an einer sehr guten Schauspielerin.

 

 

In tödlichen Netzen der Intrige hoffnungslos verstrickt

Auszug aus Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten, 7. März 2006



 

Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ prangert Fürstenwillkür an. Premiere im Grenzlandtheater Aachen.

Aachen. Der Applaus ist verdient. (...) Da haben die Szenen mit Ernst Wilhelm Lenik als Vater Miller und Zeljka Preksavec als dessen Frau Witz und Tempo. Lenik versteht es nicht nur, das leidende Vaterherz zu vermitteln, sondern auch die tiefe Liebe zur Tochter, gespielt von Kaja Schmidt-Tychsen. Sie ist eine reizend junge, unverdorben schwärmende Luise und spielt diese Rolle mit berührender Natürlichkeit, zunächst naiv, dann gereift bis hin zur euphorischen Todessehnsucht. Ihr zur Seite ist Florian Hetweck ein Ferdinand, der zeigt, wie wankelmütig und instabil der Spross aus reichem Hause bei aller romantischen Liebe ist. Das wird gut umgesetzt.

Harald Pilar von Pilchau bringt als gierig nach Einfluss und Luise schielender Sekretär Wurm alles mit, was ein gefährlich verklemmter Intrigant braucht.
Bis in die krampfenden Fingerspitzen ist er Lüge und Gemeinheit. Wenn er - den Kopf gebeugt - mal wieder den zweiten Anzugknopf schließt, weiß man, dass da nichts Gutes folgt. Puterrot vor Anspannung wird Hans-Gerd Kilbinger in der Rolle des heftigen Präsidenten, der ausgerechnet im Sohn die größte Gefahr für seine Position erkennen muss. Kilbinger zeigt mit energiereichem Spiel, wie sehr sich der Nutznießer der «Kabale» schließlich selbst im geknüpften Netz verwickelt. Carmen Heibrock verkörpert eine gereifte Lady Milford, die als imponierend kluge, flotte Frau den Funken Ehre, der ihr geblieben ist, neu entfacht.

Für Eugen May bietet der Hofmarschall von Kalb eine Glanzrolle, denn er verknüpft schrulliges Schranzenverhalten im hüpfenden Schritt mit giftiger Schlauheit.

Im genial konzipierten Bühnenbild von Charles Copenhaver mit seinen überdimensionalen Porträts adeliger Persönlichkeiten der Schillerzeit in trügerisch golden warmem Licht vor hohen «Kassetten», die sich jeweils zu Millers Stube und Milfords Boudouir öffnen lassen, läuft die Handlung reibungslos ab. Heike M. Schmidt setzt mit moderner schlichter Kleidung effektvolle Gegenakzente zu den Herrschaften auf den Gemälden und der Schwärze des Raumes. Experimentelle Tonfolgen lassen die Assoziation von gespannten Nerven und verrinnendem Leben zu. (...)

Das Premierenpublikum dankt den Akteuren mit kräftigem Applaus.

 

 

 

Kabale und Liebe - Infos.

Ingrid Gündisch.

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