Nellie Goodbye


Junge WLB spielt "Nellie Goodbye"

von Horst Lohr, Stuttgarter Nachrichten, 2. November 2006

Witzig und todtraurig

von Markus Zecha, Bietigheimer Zeitung, 12. Oktober 2006

Hoffnung stirbt nicht

von Martin Mezger, Esslinger Zeitung, 2. Oktober 2006

 

 

Junge WLB spielt "Nellie Goodbye"

von Horst Lohr, Stuttgarter Nachrichten, 2. November 2006

 

Ein schmuddliges Musikstudio irgendwo in einem Hinterhof, angefüllt mit Instrumenten, einem schäbigen Sofa und jeder Menge Träume von fünf Jugendlichen. Sie proben für einen Wettbewerb, der ihnen die Tür zur Karriere als Rockmusiker öffnen soll. Nellie, Bandleaderin und Sängerin, schmachtet eine Ballade ins Mikro, als sie plötzlich zusammenbricht. Gehirntumor. Unheilbar.

Sensibel und humorvoll beschreibt Lutz Hübner in „Nellie Goodbye“ die Verstörung Jugendlicher, die beim Aufbruch ins Erwachsensein mit dem Tod konfrontiert werden. Regisseurin Ingrid Gündisch trifft den Ton des Stückes genau, in dichten Szenen sind die Reaktionen auf die tödliche Krankheit zu sehen. Plötzlich gehen sich Blicke aus dem Weg, man streicht hilflos schweigend umeinander herum. Schlagzeuger Danny (Özgür Platte) flüchtet sich als Gruppenclown gekonnt in Sarkasmus. Auf einmal steht auch Schuldbewusstsein in den Gesichtern, weil die Gedanken um die Frage kreisen, ob der Wettbewerb ohne die kranke Sängerin gewonnen werden kann.

Nach einer Gehirnoperation kommt Eva Geilers Nellie noch einmal zurück, versucht krampfhaft lächelnd vergeblich, Optimismus zu versprühen. Fahrig und stotternd will sie ihre Lieblingsballade singen, kann sich aber an den Text nicht mehr erinnern. Wie gelähmt schauen ihre Bandkollegen auf die gebrochene junge Frau. Ein eindringliches Bild der Ohnmacht gegenüber der Unbarmherzigkeit des Todes.

 

 

Witzig und todtraurig

"Nellie Goodbye" in Esslingen

von Markus Zecha, Bietigheimer Zeitung, 12. Oktober 2006

 

Zeitgenössisches Jugendtheater kann bewegend sein, ohne ins Kitschige abzudriften. Das beweist die Landesbühne Esslingen mit Lutz Hübners "Nellie Goodbye".

Kristin Göpfert (Tina), Eva Geiler (Nellie), Özgür Platte (Danny) (v. l.) in der Esslinger Aufführung von Lutz Hübners "Nellie Goodbye". Foto: Andreas Zauner

Nellie ist der Star der Rockband "The useless beauties". Die Jungs fliegen auf sie, sie träumt von einer Musik-Karriere und nimmt das Leben eher leicht.

Dann stellt eine Diagnose alles in Frage: Hirntumor. Nellie wird operiert, kommt in die Reha und kehrt zurück zur Band. Doch nichts ist, wie es einmal war. Nellie kann nicht mehr singen. Der Tod steht ihr ins Gesicht geschrieben. Aus der strahlenden Frontfrau ist ein verstörter, sprachbehinderter Teenager geworden, der sich mit letzter Kraft an den Traum vom Sieg bei einem wichtigen Band-Contest klammert.

Unfähig, mit dieser Situation umzugehen, flüchtet sich der Rest der Band in verzweifelte Lügen und Durchhalteparolen - bis ausgerechnet der sensible, sonst eher schweigsame Jonny mit schmerzhafter Ehrlichkeit die Mauer des Schweigens durchbricht.

Autor Lutz Hübner (Gretchen 89ff., Das Herz eines Boxers) und die Esslinger Schauspieler schaffen den Spagat zwischen der Leichtigkeit einer nie aufgesetzt wirkenden Jugendsprache und dem bleiernen Thema Tod. Das Stück ist witzig und todtraurig zugleich; es rührt an, ohne sentimental zu sein.

Ein Hauptproblem bei der Aufführung derartiger kammerspielähnlicher Jugendstücke ist, dass die größte Schauspielkunst nichts reißt, wenn die Figuren künstlich wirken. Doch auch da zieht sich die Esslinger Inszenierung gut aus der Affäre: Unter der Regie von Ingrid Gündisch kommt das spielfreudige Ensemble inklusive live geschultertem "Schweinerock" durchaus authentisch daher. Eva Geiler meistert die schwere Rolle mit zwei grundverschiedenen Nellies gut. Und neben ihr finden Ute Seraina Schramm als Cora, Kristin Göpfert als Tina, Benedikt Voellmy als Jonny sowie allen voran der wunderbar präsente Özgür Platte als exzentrischer Schlagzeuger Danny die richtige Balance aus frischem Drauflospoltern und professionellem Spiel.

Mit "Nellie Goodbye" bringt die WLB nach "Creeps" (immerhin 50 Vorstellungen) das zweite Hübner-Jugendstück innerhalb von zwei Jahren auf die Bühne. In beiden lässt der Erfolgsautor MTV-geprägte Jugendliche agieren, die oft in Videoclip-Mustern denken, fühlen - und manchmal sogar handeln. Und er konfrontiert sie in beiden Fällen schockartig mit der Grausamkeit des wirklichen Lebens. Die Erkrankung Nellies lässt bald die ganze Band den Traum von Ruhm und Glamour in neuem Licht sehen. Werte verschieben sich. Und am Ende wird Nellie zu ihren vier anderen "Useless beauties" sagen: "Ich will, dass ihr da seid, mehr nicht."

Auch bei Hübner geht es nicht ganz ohne Klischee ab, aber sein Stück ertrinkt nicht darin - und es wühlt auch nicht in der Schublade Betroffenheitstheater. Es hat gute, spritzige Dialoge und eine zu Herzen gehende Handlung. Und es hat ein Thema, das die Jugendlichen anspricht. In einer Zeit, da Jugendthemen von der ersten Liebe bis zur Pickelcreme täglich in Talkshows und Wohncontainern breit getreten werden, ist das schon mal eine ganze Menge. Mit mehr solchen Stücken - und mit mehr solchen Inszenierungen - dürfte die Krise des Jugendtheaters bald Vergangenheit sein.
 

 

 

Hoffnung stirbt nicht

"Nellie Goodbye" im Zollberg-Theater der WLB

von Martin Mezger, Esslinger Zeitung, 2. Oktober 2006

 

Esslingen - Sie spielen nicht Schubert, sondern Rock. Aber das Thema ist dasselbe: der Tod und das Mädchen. Doch hört es auf keine melancholische Melodie mehr, sondern bricht plötzlich in die Musik, wenn Nellie, die Sängerin einer hoffnungsvollen Amateur-Rockband, während der Probe umkippt. Es war der Tod, der zum ersten Mal angeklopft hat in Lutz Hübners soap-opera-geschmierten Dialogen, in dieser pop-vergnügten Welt zwischen Keyboard, E-Gitarre und coolen Sprüchen, kleinem Frust und großem Wunschtraum vom Sieg beim Mudshark-Wettbewerb. Am Ende steht Nellie mit kahlem Schädel unter der Wollmütze auf der Bühne - operiert, chemotherapiert, unheilbar. Ihr Gehirntumor wird sie nur noch kurze Zeit leben lassen.

Lutz Hübners Jugendstück "Nellie Goodbye", von Ingrid Gündisch im Zollberg-Theater der Esslinger Landesbühne inszeniert für Zuschauer ab 14 Jahren, geht ein enormes Wagnis ein: Es konfrontiert eine witzige Gute-Laune-Zone mit dem Ungeheuerlichsten der menschlichen Existenz. Verklärt wird da nichts: Es ist einfach so - bitter und ausweglos.

Geschenkt, dass Hübner am Anfang etwas zu bemüht jugendklischeehafte Stimmenimitation betreibt - und die Akteure zunächst ein bisschen holzschnitthaft ihre Typen in Szene setzen. Das Schau-Spiel gewinnt mit der Steigerung des Textes. Hübner gleitet weder ins tränendrüsenmassierende Rührstück ab noch verpasst er den "Useless Beauties" einen Trauerrand. Vielmehr zeigt er von der Sprache her, wie sich der Tod ins Leben einer Rockband schleicht. Das klamme Schweigen, als während der Probe das Handy mit der Unglücksbotschaft klingelt, die Sprachlosigkeit, als Nellie aus der Klinik zurückkehrt und wieder singen will, aber nicht mehr kann, schließlich die Sprachbilder, die sich poetisch ins Sterben vortasten: Das alles gibt dem grausamen Schicksal unverkrampften und - so paradox es klingt - unterhaltsamen Ausdruck, ohne die Intensität zu mindern.

Eva Geiler spielt die Rolle der forschen, trotzig gegen den Tod kämpfenden Nellie mit unpathetischer Emotionalität. Özgür Plattes Schlagzeuger Danny lässt hinter kesser Lippe den Gemütsmenschen zum Vorschein kommen. Benedikt Voellmy als Gitarrist Johnny wandelt sich vom verdrucksten Verschweiger zum Wahrheitsapostel - und hat die schönen, exzellent live (!) gespielten Songs geschrieben. Ute Seraina Schramm als Keyboarderin Cora und vor allem Kristin Göpfert als Bassistin Tina spielen das Lied vom Leben, das weitergeht, auch wenn's für die Sterbende noch so bitter ist: Cora "erbt" von Nellie den Freund, Tina den Gesangspart. Und doch gibt das Stück - und mit ihm Gündischs charakterscharfe, situationsklare Inszenierung - der Bitterkeit nicht das letzte Wort, sondern der Solidarität: Die Hoffnung stirbt nicht. Der Tod dringt mit gleißenden Schweinwerfern in den hübsch angesifften Probenraum (Bühne: Helke Hasse): schmerzlich blendend, aber auch ein Licht von außen, aus dem Freien.

 

 

 

Kabale und Liebe - Infos.

Ingrid Gündisch.

Zurück zur Navigationsseite.