Nora |
Das Nora-Prinzip: Nach 127 Jahren noch völlig staubfreivon
Grit Schorn, Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, 15. April 2007 |
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Das Nora-Prinzip: Nach 127 Jahren noch völlig staubfreivon Grit Schorn, Aachener Zeitung, 15. April 2007 |
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Aachen. Im pelzbesetzten rosa Mäntelchen schwebt Nora in ihre heile Ikea-Wohlfühlwelt - die gerade getätigten Weihnachtseinkäufe, darunter ein Puppenhaus für die Kinder, machen sie noch aufgekratzter als sonst. Frühere Sorgen scheinen für die junge Familie ein Ende zu haben; den Luxus, den die Ernennung ihres Mannes zum Bankdirektor verspricht, will Nora Helmer voll auskosten.
Zu Beginn ihrer Ehe hatte Nora ihrem schwer erkrankten Mann heimlich mittels dubioser Kreditnahme und gefälschter Unterschrift die nötige Genesungskur verschafft - über den gescheiterten Anwalt Krogstadt (Harald Pilar von Pilchau mit subtilem Loser-Profil) als Vermittler, der nun von ihr fordert, sie müsse seine drohende Entlassung in der Bank durch ihre Fürsprache bei Torvald verhindern. Krogstadts Erpressung macht Nora zur Gejagten - nach Torvalds brüsker Ablehnung ihrer Fürbitte für Krogstadt hat sie nur noch einen Gedanken. Ob ihr Mann ihr das, was sie vor Jahren aus Liebe zu ihm tat, verzeihen kann und Krogstadt in die Wüste schickt? Mit ihrer vom Schicksal gebeutelten Freundin Christine, von Ruth Hornemann mit eindrucksvoller Präsenz verkörpert, kann sie immerhin darüber sprechen. Als der langjährige Hausfreund des Paares, der todkranke Arzt Dr. Rank (ausgezeichnet: Holger Irrmisch), ihr seine Hilfe anbietet und ihr gleichzeitig seine Liebe gesteht, wendet sie sich enttäuscht ab. Schon bald lässt Ibsen die Puppen tanzen: Der Probetanz, den der genervte Torvald mit seinem domestizierten «Kuscheltierchen» absolviert, zeigt den Aufsteiger als stolzen Besitzer. Geradezu bestürzend echt in jeder Geste, mit jedem Wort gestaltet Enrique Keil den ehrgeizigen Bankmenschen als Produkt einer Gesellschaft, die offenbar bis heute mit der «Frauenfrage» beschäftig ist, wie jetzt das «Eva-Prinzip» einer TV-Moderatorin oder die klerikalen Attacken gegen notwendige Kinderkrippen deutlich machen. Nach der Pause setzt die Regisseurin zu einem furiosen Finale an. Als Helmer seine Existenz bedroht sieht, brechen alle Fassaden: Die süße Nora ist nur noch das «Miststück», eine blöde «Schlampe», die sein Leben zerstört. Auch Krogstadts Rückzug ändert nichts mehr; Nora hat hinter die Charaktermaske geschaut - und sieht nur noch einen schwachen Menschen, der sich als starker Mann «tarnte». Das Puppenheim ist zerbrochen. Stürmischer
Applaus samt der offenbar unvermeidlichen Standing ovations für ein
starkes Stück, das hier mit ebenso starken Darstellern punkten kann -
ganz staubfrei, nach 127 Jahren. |
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