Nora


Das Nora-Prinzip: Nach 127 Jahren noch völlig staubfrei

von Grit Schorn, Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, 15. April 2007


 

 

Das Nora-Prinzip: Nach 127 Jahren noch völlig staubfrei

von Grit Schorn, Aachener Zeitung, 15. April 2007


 

Aachen. Im pelzbesetzten rosa Mäntelchen schwebt Nora in ihre heile Ikea-Wohlfühlwelt - die gerade getätigten Weihnachtseinkäufe, darunter ein Puppenhaus für die Kinder, machen sie noch aufgekratzter als sonst. Frühere Sorgen scheinen für die junge Familie ein Ende zu haben; den Luxus, den die Ernennung ihres Mannes zum Bankdirektor verspricht, will Nora Helmer voll auskosten.

Fast boulevardesk nimmt sich dieser erste Teil des Lebenslügen-Schauspiels aus, das Regisseurin Ingrid Gündisch (30) im Aachener Grenzlandtheater ebenso leichthändig wie stilsicher und konsequent in Szene setzt. Unterstützt wird sie darin von Charles Copenhaver, der das skandinavische «Puppenheim» anheimelnd holzlastig und mit schönen Blautönen ausstattete - inklusive des «eingemauerten» Fensters. Für die adäquaten Kostüme mit «Emanzipationsschritten» sorgte Heike M. Schmidt. Die moderne Übersetzung und Bearbeitung ist gelungen und überrascht mit neuen Kosenamen wie «mein kleines Ferkel» für Torvalds süßes «Püppchen», das begehrt und verwöhnt, aber nicht ernst genommen wird.

Gleich in den ersten Szenen des Stücks spürt das Publikum die Unruhe und Überdrehtheit dieser jungen Frau, die mit fast kindlicher Koketterie ihren pflichtbewussten Ehepartner bei Laune hält, der ihr verliebt manche «Fehler» nachsieht.

Der jungen Schauspielerin Neda Rahmanian, die am Grenzlandtheater als Shakespeares Julia debütierte und dafür den Karl-Heinz-Walther-Preis in Empfang nehmen konnte, gelingt hier etwas sehr Seltenes: Sie versucht gar nicht, die Paraderolle zu «meistern», sie wird einfach zu dieser Frau, deren «gutbürgerliche» Ehe plötzlich auf dem Prüfstand steht.

Er lässt die Puppen tanzen: Neda Rahmanian als Nora, Holger Irrmisch als Dr. Rank, Enrique Keil als Torvald und Ruth Hornemann als Christine (von rechts) in Ibsens Klassiker. Foto: Klaus Herzog

Zu Beginn ihrer Ehe hatte Nora ihrem schwer erkrankten Mann heimlich mittels dubioser Kreditnahme und gefälschter Unterschrift die nötige Genesungskur verschafft - über den gescheiterten Anwalt Krogstadt (Harald Pilar von Pilchau mit subtilem Loser-Profil) als Vermittler, der nun von ihr fordert, sie müsse seine drohende Entlassung in der Bank durch ihre Fürsprache bei Torvald verhindern.

Krogstadts Erpressung macht Nora zur Gejagten - nach Torvalds brüsker Ablehnung ihrer Fürbitte für Krogstadt hat sie nur noch einen Gedanken. Ob ihr Mann ihr das, was sie vor Jahren aus Liebe zu ihm tat, verzeihen kann und Krogstadt in die Wüste schickt?

Mit ihrer vom Schicksal gebeutelten Freundin Christine, von Ruth Hornemann mit eindrucksvoller Präsenz verkörpert, kann sie immerhin darüber sprechen. Als der langjährige Hausfreund des Paares, der todkranke Arzt Dr. Rank (ausgezeichnet: Holger Irrmisch), ihr seine Hilfe anbietet und ihr gleichzeitig seine Liebe gesteht, wendet sie sich enttäuscht ab.

Schon bald lässt Ibsen die Puppen tanzen: Der Probetanz, den der genervte Torvald mit seinem domestizierten «Kuscheltierchen» absolviert, zeigt den Aufsteiger als stolzen Besitzer. Geradezu bestürzend echt in jeder Geste, mit jedem Wort gestaltet Enrique Keil den ehrgeizigen Bankmenschen als Produkt einer Gesellschaft, die offenbar bis heute mit der «Frauenfrage» beschäftig ist, wie jetzt das «Eva-Prinzip» einer TV-Moderatorin oder die klerikalen Attacken gegen notwendige Kinderkrippen deutlich machen.

Nach der Pause setzt die Regisseurin zu einem furiosen Finale an. Als Helmer seine Existenz bedroht sieht, brechen alle Fassaden: Die süße Nora ist nur noch das «Miststück», eine blöde «Schlampe», die sein Leben zerstört. Auch Krogstadts Rückzug ändert nichts mehr; Nora hat hinter die Charaktermaske geschaut - und sieht nur noch einen schwachen Menschen, der sich als starker Mann «tarnte». Das Puppenheim ist zerbrochen.

Stürmischer Applaus samt der offenbar unvermeidlichen Standing ovations für ein starkes Stück, das hier mit ebenso starken Darstellern punkten kann - ganz staubfrei, nach 127 Jahren.
 

 

 

 

Kabale und Liebe - Infos.

Ingrid Gündisch.

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