God Save America |
Mit Kafka auf dem Boulevardvon
Thomas Wirt, Fränkische Landeszeitung, 28. April 2008 |
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Mit Kafka auf dem Boulevardvon Thomas Wirt, Fränkische Landeszeitung, 28. April 2008 |
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Ingrid Gündisch inszeniert das tragikomische Psychogramm eines Niedergangs FEUCHTWANGEN
– Biljana Srbljanovics „God save America“ ist ein simples Stück
voller Klischees. Es lässt aber immerhin diese Klischees ins Leere laufen
und zeigt, wie eine Existenz allmählich zerfällt. Dabei entwickelt es
stellenweise poetische, surreale Qualitäten. Und Regisseurin Ingrid Gündisch
ringt ihm intensive Momente zwischen Tragik und Groteske ab. Beim offenen
Ende nimmt sie die Hauptfigur vor ihrer Schöpferin sogar in Schutz. Was
schon ein menschenfreundlicher Zug ist. Am Freitag war die Produktion der
Württembergischen Landesbühne im Feuchtwanger „Kasten“ zu sehen. Karl
Rossmann, ein hochdotierter New Yorker Angestellter, Einwanderer aus
Europa, ist ein Rezessionsopfer. 2002 verliert er seinen Job und nach und
nach die Nerven. Er lebt weiter wie bisher, versucht sein teures
Luxus-Appartement zu halten. Die Schulden wachsen ihm über den Kopf. Sein
bester Freund kokst, betrügt seine Frau mit einem russischen Modell und
liegt irgendwann als Drogentoter in Rossmanns Wohnung. Zwei Frauen, eine
nette Feinkostverkäuferin und die Ehefrau des toten Freunds, könnten die
Rettung bringen. Es wird aber nichts draus. Rossmann scheint in einem
Verblendungszusammenhang gefangen. Er kann seine nobel-chice Welt nicht
verlassen (Ausstatterin Helke Hasse hat sie mit einfachen Mitteln – Säulen,
Vorhang, Treppenschwung und Aufzug – als ein retro-mondänes und viel
bedeutendes Einheitsbühnenbild entworfen.) Das
Stück schaut, wie seine Autorin, fremd auf schlingernde Menschen in
Zeiten des Turbokapitalismus. Ein streifender Blick, staunend, traurig.
Biljana Srbljanovic versucht keine Systemkritik, zeichnet das
tragikomische Psychogramm eines Niedergangs. Die aktuelle Weltlage ist wie
entferntes Gewitter präsent. Aber
gleich zu Anfang sing Dean Martin die wahrscheinlich zuckrigste Version
des Winter-Liebesliedes „Let it snow“: Komödienstimmung liegt in der
Lust, herzwärmende Weihnachtsweltrettungskomödienromantik. Die
Selbstironie, die Biljana Srbljanovic so mag, wendet Ingrid Gündisch
folgerichtig auf das Stück an. Sie kippt es erst in eine sanfte Schräglage,
bringt es dann zum Schweben und baut die, nun ja, kafkaesken Momente –
die Hauptfigur heißt nicht umsonst nach der von Kafkas Amerika-Roman –
stillschweigend und akkurat aus. Gündisch holt das Niedergangsboulevard
mit seinen vorhersehbaren Typen, die irgendwann doch einen kleinen Haken
schlagen, aus Biljana Srbljanovics Text. Das
Ensemble agiert dementsprechend einen Tick zu stark, mit einem Stich ins
Karikaturhafte. Nur Christina-Bettina Pfannkuch stellt ihre pragmatische
Muffy als wahrhafte Frauenfigur mit Format hin. Frank Ehrhardt als Karl
Rossmann umflort tatsächlich eine kafkamäßige Welt-Fremdheit,
lebensscheue Beziehungsgehemmtheit und albtraumgleiche Verfolgungsangst. Ein
Portier (Mephisto in Livree: Lothar Bobbe) oder ein Kellner (vollendete
Herablassung: Benedikt Voellmy) sind in einem solchen Zustand prompt
bedrohlich, weil jeder Rossmann durchschaut. Jürgen Lingmann knattert als
Daniel wie ein überdrehter Westentaschen-Casanova durch die Säulenhalle.
Jonas Pätzold liefert einen sketchreifen Obdachlosen mit behaupteter
Golfkrieg-Vergangenheit, Nadine Ehrenreich Callgirl-Vulgarität. Eva
Geiler ist als Feinkostmädchen vor allem nett. Zum guten Schluss bleibt alles offen. Das Ende. Und das Fenster. Kein Selbstmord wie bei Srbljanovic. Es schneit nur. Dean Martin zuckert sein Liebeslied darüber. Karl Rossmann tanzt. Glücklich wie ein Kind über den ersten Schnee. Glücklich und befreit. Vielleicht hat er jetzt doch etwas begriffen.
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