Karin Gündisch - Leseproben |
Lilli findet einen ZwillingSauerländer
Vertrag, EUR 11,90 |
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CosminVon einem, der auszog, das Leben zu lernendtv |
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Das Paradies liegt in AmerikaEine AuswanderergeschichteBeltz & Gelberg |
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Im Land der Schokolade und BananenZwei Kinder kommen in ein fremdes LandBeltz & Gelberg |
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Lilli findet einen ZwillingLudmilla ist mit ihrer Familie aus Moskau nach Deutschland gezogen und wohnt in einem Aussiedlerheim. Sie sitzt allein in der Bank, wird zu den Geburtstage in der Klasse nicht eingeladen, und als die Klasse Hausbesuche macht, bekommt sie keinen Besuch. Das ändert sich an dem Tag, als Amelie aus Bayern in die Klasse kommt. |
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(Seite 32ff) ... An
einem Montag im Mai stand eine neue Schülerin in der Tür, sah sich um
und setzte sich einfach auf den leeren Platz neben mich. Sie guckte in der
die Gegend herum, holte dann ein Butterbrot und einen Apfel aus der Tasche
und begann zu essen. Als unsere Lehrerin in die Klasse kam, aß sie
seelenruhig weiter. Frau
Müller stellte uns die neue Schülerin vor und da erst fiel ihr auf, dass
die Neue, Amelie, den Mund voll hatte. Sie sah sie missbilligend an: „In
meiner Klasse wird während des Unterrichts nicht gegessen!“ „Ich
habe aber Hunger“, sagte Amelie und biss in ihr Brot. „Wenn
es dir bei uns nicht passt“, sagte Frau Müller streng, „kannst du
gleich wieder gehen.“ Amelie
aß das Brot in aller Ruhe zu Ende, holte die Tasche aus dem Pult, ging
zur Tür, sagte: „Auf Wiedersehen!“, und verließ die Klasse. Frau Müller
sah ihr verwundert nach, und erst als Amelie die Tür schon längst
geschlossen hatte, sagte sie zu mir: „Ludmilla, hol sie sofort zurück!“ Ich
ging auf den Korridor und rief: „Neue Schülerin, du sollst sofort zurückkommen!“
In der Aufregung hatte ich nämlich ihren Namen vergessen. „Äh ...
Amelie, komm sofort zurück.“ Amelie
drehte sich um und lachte. „Wie
heißt du denn eigentlich?“, fragte sie mich. „Ludmilla!“ „Wie?“,
fragte sie zurück, und ich wiederholte meinen Namen. Sie fand ihn
komisch: „Ludmilla-Lilla-Lilli!“ Meinetwegen,
dachte ich und machte dasselbe mit ihrem Namen: „Amelie-Milla-Milli.“ Milli
und Lilli, das gefiel uns. „Von
wo kommst du her?“, fragte ich Milli. „Aus
Bayern“, sagte sie. „Und du, bist du von hier?“ „Nein.
Ich komme aus Moskau.“ Milli
fand es gut, dass auch ich von anderswo her kam und keine Freundin hatte.
Sie lud mich sofort zu sich ein und schon am selben Nachmittag besuchte
ich sie. Milli
wohnte in einer Zweizimmerwohnung in einem Studentenwohnheim für
Familien, weil ihre Mutter Studentin und Alleinerziehende war. Ihr Vater
studierte ebenfalls, aber er wohnte anderswo. Er kam selten zu Besuch und
befand sich gerade für ein Auslandssemester in Frankreich. Milli sagte,
dass sie gar nicht mehr wüsste, wie er aussah. Als
ich Milli zum ersten Mal im Studentenwohnheim besuchte, staunte ich nicht
wenig. Sie hielt einen Hasen in der Wohnung. Er lebte in einem Käfig, der
auf dem Balkon oder im Zimmer stand. Der Hase hieß Rambo. Eigentlich
durfte Milli ihn in der Wohnung nicht frei herumlaufen lassen. Wenn ihre
Mama aber nicht zu Hause war, ließ sie ihn aus dem Käfig raus. Milli
öffnete die Käfigtür und Rambo hoppelte auf den Teppich. Wir
passten beide auf, dass er ihn nicht zerfetzte oder die Sofabeine
anknabberte. Er wetzte sich nämlich an allem die Krallen und nagte alles
an, was er zwischen die Zähne bekam. Das ist für einen Hasen normal,
aber er durfte es trotzdem nicht, weil es nicht ging, dass er die Wohnung
ruinierte. „Esst
ihr den Rambo zum Schluss?“, fragte ich Milli, als sie ihn streichelte
und zwischen den Ohren kraulte. Ich bekam die Antwort, die ich erwartete. „Nein“,
sagte Lilli ziemlich empört. Sie
ließ den Hasen los und er verschwand ins Schlafzimmer unterm Bett. Wir
rannten hinter ihm her und krochen auch unters Bett, um Rambo wieder ans
Tageslicht zu ziehen. Er sauste aber davon, während wir im Staub lagen
und niesten. Danach holte Milli eine Bürste und wir gingen auf den
Balkon, um unsere Kleider zu schütteln und zu bürsten. „Mein
Onkel in Komrat hatte zehn Hasen“, sagte ich. Milli
sah mich ungläubig an. „Wo liegt Komrat?“, fragte sie. „In
Gagausien“. „In
Gaga-was?“ „In
Gagausien in Moldawien. Als ich noch ganz klein war, haben auch wir dort
gewohnt.“ „So
viele Hasen kann man gar nicht halten“, sagte Milli. „Er
hat sie nicht in der Wohnung, sondern im Stall gehalten“, sagte ich,
„und bei unserem letzten Besuch hat der Onkel alle geschlachtet. Meine
Tante hat Braten gemacht, und den haben wir beim Abschiedsfest mit den
Verwandten, den Freunden und den Nachbarn gegessen.“ „Alle
zehn?“, wollte Milli wissen. „Alle!“,
sagte ich. Milli
überlegte eine Weile. „Schwör mir“, sagte sie dann, „dass du in
Deutschland keine Hasen isst!“ „Ich
schwör es.“ Mir war der Hasenbraten gar nicht wichtig. Ganz im
Gegenteil: Ich überlegte, was ich für Lilli noch tun konnte, worauf ich
für sie noch verzichten könnte. „Darf
ich Huhn essen?“, fragte ich nach einer Weile. Milli
überlegte ein bisschen und sagte: „Ja. Alles außer Hase.“ „Auch
Frösche und Schnecken?“, fragte ich und schüttelte mich vor Ekel. „Ja!“,
sagte Milli und schüttelte sich ebenfalls. „Habt Ihr in Moskau und in
Gagausien wirklich auch Frösche und Schnecken gegessen?“ „Nein“,
sagte ich. „Wir haben übrigens sehr selten Fleisch gehabt, weil es zu
teuer war.“ Wir
suchten Rambo in der ganzen Wohnung. Schließlich fanden wir ihn im
Badezimmer, wo er gerade dabei war, den Wäschekorb anzuknabbern. Milli
packte ihn am Genick. Rambo wehrte sich mit den Füßen, aber es half ihm
nichts. Milli schob ihn in den Käfig. „Der ist manchmal ganz schön
wild“, sagte Milli. „Aber meistens ist er friedlich und lieb.“ ...
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CosminVon einem, der auszog, das Leben zu lernenCosmin ist 12 Jahre alt, und nur einmal für kurze Zeit ging er in die Schule - und dann nie wieder.
Seinen Eltern ist er als Geldbeschaffer sowieso wichtiger: Cosmin hat den Dreh raus, Touristen
und Wanderer in den umliegenden Bergen um übrig gebliebenen Proviant und Geld anzubetteln. Natürlich kommt es zu Rückschlägen, aber am Ende hat Cosmin einen Anfang gemacht. Vielleicht wir er es schaffen. |
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Kipfel und Äpfel Cosmin hatte es schon lange auf das kleine, rote Messerchen abgesehen, das die Lehrerin manchmal achtlos auf dem Tisch liegen ließ. Als sie wieder einmal ein Kind aus dem Klo befreien musste, das einer von den größeren Schülern noch in der Pause dort eingesperrt hatte, ging Cosmin ans Katheder und ließ das Messerchen einfach in seine Jackentasche gleiten. Die Lehrerin aber hatte Luchsaugen und bemerkte nach ihrer Rückkehr sofort, dass es verschwunden war. „Wer hat das Taschenmesser vom Tisch genommen?“, fragte sie und ließ ihre Blicke über die Klasse schweifen. Einige Schüler sah sie besonders eindringlich an, aber es meldete sich niemand. Die einen wussten es nicht, die anderen schwiegen, weil sie es sich mit Cosmin nicht verderben wollten, denn er gehörte zu den Großen und Starken in der Klasse. Cosmin pulte an seinen Nägeln herum, so als ginge ihn die Frage der Lehrerin gar nichts an. Die Lehrerin aber gab nicht so schnell auf. Die Kinder mussten ihre Taschen auf die Bänke legen und die Lehrerin kontrollierte jede einzelne. Bei den Kleinen war sie schnell fertig, für die größeren Schüler nahm sie sich mehr Zeit. Als sie zu Cosmins Bank kam, sah sie erst unter das Pult und in den Schulbeutel. Dann griff sie plötzlich in seine Jackentasche und holte das rote Messerchen hervor. Cosmin grinste ein bisschen verlegen, als handle es sich um einen Spaß. Die Lehrerin aber war fuchsteufelswild, schimpfte mit ihm und schickte ihn um die Mutter. Cosmin verließ die Klasse, ging langsam über den Schulhof und überlegte, ob er einen Spaziergang in den Wald machen sollte. Vielleicht gab es um diese Zeit noch ein paar Haselnüsse. Bevor er sich aber entscheiden konnte, hatte seine Mutter ihn aus dem Fenster gesehen und rief nach ihm. „Was hast du wieder ausgefressen?“ „Ich habe das Messerchen von der Lehrerin mitgehen lassen“, sagte Cosmin mürrisch. „Und hast dich dabei erwischen lassen?“ Cosmin nickte. „Junge, Junge“, sagte sie. „Solche Sachen macht man ganz oder man lässt sie. Leg dich doch nicht mit dieser Lehrerin an. Die ist hartnäckig und kriegt dich immer! Du kennst sie doch!“ Die Mutter weigerte sich, in die Schule mitzugehen. Frau Moraru würde mit ihr nur schimpfen und das war ihr unangenehm. Also bat sie lieber die unerschrockene Puri, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Die Lehrerin war allein im Klassenzimmer, als die Puri mit Cosmin bei ihr erschien. Die Puri setzte sich auf den Stuhl, auf dem schon der Inspektor gesessen war, hörte zu, was die Lehrerin zu sagen hatte und schimpfte dann gehörig mit Cosmin. Der war ziemlich verlegen und sah zu Boden. „Dein Vater wird dich verprügeln, wenn er nach Hause kommt“, sagte die Puri und Cosmin wusste, dass das auch stimmte. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass der Vater weit weg war und hoffte, dass er dort noch eine Weile blieb. Als die Puri genug mit ihm geschimpft hatte, schickte sie ihn vor die Tür, weil sie mit der Lehrerin ein paar Worte unter vier Augen reden wollte. Cosmin ging hinaus und nachlässig lehnte er die Tür nur an. Die Stimmen drangen zu ihm hinaus, weil die Lehrerin verärgert war und lauter als sonst sprach. Eine leise Stimme hatte sie ohnehin nicht. Die Puri sprach ebenfalls lauter als gewöhnlich, um mithalten zu können. „Warum musste er das Messerchen klauen?“, sagte die Lehrerin aufgebracht. „Seine ganze Großfamilie ist ordentlich und klaut nicht. Er aber klaut. Warum bloß?“ Die Puri jammerte: „Aoleo! Seine Mutter ist wieder schwanger und wenn einer in ihrer Umgebung klaut, dann wird das Kind mit einem Leberfleck geboren!“ „Aber das ist doch ein Aberglauben“, sagte die Lehrerin. „Es mag ein Aberglauben sein, aber das Kind wird mit einem Leberfleck in der Form des gestohlenen Gegenstandes geboren, glaub es mir! Chiva hat es ohnehin schon schwer genug mit drei Kindern und diesem Mann, der nie da ist, wenn man ihn braucht.“ „Wo ist er denn schon wieder?“, fragte die Lehrerin. Die Puri überging die Frage. Wenn wir das wüssten, dachte Cosmin vor der Tür. „Weißt du, liebe Lehrerin“, sagte die Puri, „Es ist nicht gut, wenn man übertreibt. Du hast dein Messer wieder, und du sollst den Jungen nicht zu arg bestrafen, sonst bringen ihn keine sieben Pferde mehr in die Schule. Die aus unserer Sippe dürfen klauen. Nicht weil sie arm sind, sondern weil die Mutter Gottes es uns verzeiht. Als unser lieber Heiland ans Kreuz geschlagen worden ist, haben Männer aus unserem Volk die Nägel für die Kreuzigung geschmiedet. Sie waren schon immer gute Handwerker. Einer von ihnen aber war ein Dieb und hat den vierten Nagel gestohlen, so dass nur noch drei übrig geblieben sind. Die Mutter Gottes hatte Verständnis für den Dieb und seit damals für alle Diebe. Und darum sollst du mild zu dem Jungen sein, sein Vater wird ihn genug bestrafen. Außerdem ist ein so schönes Messerchen wirklich eine große Verlockung für einen Jungen. Du musst es nicht auf dem Tisch liegen lassen! Wie heißt es doch im Gebet: ’Und führe mich nicht in Versuchung.’“ Die Puri machte ihre Sache gut, und die Stimmen der beiden Frauen wurde leiser. Während Cosmin auf der Treppe unter dem Vordach wartete, nahm er sich wieder vor, nicht mehr zur Schule zu gehen. Er machte ohnehin im Unterricht nie mit, hörte sich alles nur an. Als er gerade weggehen wollte, verstellte ihm die Puri den Weg und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, in die Klasse zu gehen. Wozu noch, dachte Cosmin, aber es war nicht ratsam, ausgerechnet jetzt der Puri zu widersprechen. Als er zögernd in der Tür stehen blieb, schob sie ihn energisch in die Klasse. „Pass auf“, sagte die Lehrerin. „Wenn du ein Messerchen kaufen willst, gebe ich dir die Gelegenheit, das Geld dafür zu verdienen.“ Mit dieser Möglichkeit hatte Cosmin nicht gerechnet: Die Lehrerin schlug ihm vor, jeden Morgen vor der Schule in die Bäckerei nach Poeniţa zu gehen, um für die Schulkinder einen Kipfel und einen Apfel abzuholen. Eine Schweizer Stiftung hatte diese Jause gespendet und die Schule sollte den Transport von Poeniţa nach Priscan organisieren. Dafür war ein kleiner Geldbetrag vorgesehen.
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Das Paradies liegt in AmerikaEine AuswanderergeschichteIn dem kleinen siebenbürgischen Städtchen herrscht Aufbruchstimmung, denn in Amerika soll das Paradies auf Erden sein. Auch Johanns Familie macht sich auf den langen Weg. Es sind aufregende, beschwerliche Tage und Wochen, bis sie endlich in Youngstown ankommen, und der Neubeginn ist alles andere als einfach. Der elfjährige Johann erzählt selbst, was sich alles zugetragen hat in jenen Jahren des ausgehenden 19. Jahrhunderts und wie aus ihm ein richtiger Amerikaner wurde. |
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Auf dem Schiff Um mir die Zeit zu vertreiben, ging ich in Gedanken spazieren, und in meinem erfundenen Amerika traf ich eine reiche Baronin, die nicht wusste, wem sie ihr Schloss vererben sollte, weil sie keine Kinder hatte. Als ich das Schloss zufällig besichtigen wollte, fiel mir auf, dass ich noch nie in einem Schloss gewesen war und es mir nicht vorstellen konnte. Das war aber nicht so schlimm, weil es in Amerika sowieso keine Baroninnen und auch keine Kaiser und Könige gibt. Vielleicht gibt es deshalb dort auch keine Schlösser. Also ersetzte ich die Baronin mit einer reichen kinderlosen Frau, die ein Stahlwerk und eine Kohlenmine besaß. Diese Frau hatte keinen Erben für ihre Reichtümer, und als ich zufällig eines Tages eine Arbeit im Stahlwerk suchte, nahm sie mich in ihr Haus, wo ich alle Schuhe putzen musste. Später durfte ich ihr Automobil putzen und es auch fahren, und so fuhren wir immer wieder zum Einkaufen und in die Sommerfrische, bis die reiche Frau starb und mir alles vererbte. Ich verkaufte das Stahlwerk sofort und kaufte mir ein großes Schiff, das auch bei Sturm ganz ruhig auf dem Meer lag. Dieses Schiff hatte viele Zimmer, und das Gepäck war extra verstaut. Es gab einen großen Saal auf meinem Schiff, und jeden Samstagabend spielten die Musikanten zum Tanz auf. Die Leute kriegten gutes Essen, jeden Tag gab es zwei bis drei Mehlspeisen oder Pudding, und niemand musste kotzen. Bohnenessen war auf dem Schiff verboten, und alle kamen froh und glücklich in Amerika an. Mama holte mich immer wieder von meinem Traumschiff in die Gegenwart zurück. „Schlaf nicht so viel“, sagte sie mit von Übelkeit geschwächter Stimme. „Was machst du sonst in der Nacht? Geh lieber ein wenig aufs Deck! Aber sei vorsichtig!“ Einmal, als ich allein aufs Deck ging, gelangte ich auf meinem Spaziergang in die Küche. Ich sah auf einem Tisch zwischen den vielen Sachen fürs Mittagessen einen Haufen Zwiebeln und einige Male bin ich um den Tisch herumgegangen, bis sich eine kleine Zwiebel in meine Hosentasche verirrte. Dann verließ ich die Küche schleunigst und ging schnurstracks in unseren Schlafraum. Unterwegs dachte ich daran, dass der Großvater mir von einem rumänischen Fürsten erzählt hatte, der den Dieben die rechte Hand abhacken ließ. Meine Zwiebel befand sich in der linken Hosentasche, und außerdem war ich weit weg von Siebenbürgen und dieser strenge Fürst lebte bestimmt schon lange nicht mehr. Die Großmutter hatte mir erzählt, dass den Dieben ganz plötzlich, wenn sie gar nicht mehr daran dachten, die rechte Hand vertrocknete. Vielleicht stimmte das für die alte Welt, aber wie es in Amerika zuging, konnte die Grisi nicht wissen. Ich jedenfalls hatte noch nie etwas gestohlen, und als ich Mama die Zwiebel gab, war sie richtig glücklich. „Mein Gott“, sagte sie, „was für eine Freude du mir machst! Die Zwiebel sieht wie eine aus unserem Garten aus.“ Wir aßen dann Speck, Brot und die Zwiebel, und es war die beste Mahlzeit auf dieser Schiffsreise, die wegen des Nebels elf statt neun Tage dauerte. Wenn Nebel war, heulte die Schiffssirene immer wieder, damit die anderen Schiffe wussten, dass der Große Kurfürst kam. Ich habe auf der ganzen Fahrt von Europa bis Amerika kein anderes Schiff gesehen. Das kann aber daran liegen, dass wir uns fast die ganze Zeit über im Schiffsbauch aufhielten.
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Im Land der Schokolade und BananenZwei Kinder kommen in ein fremdes LandEin fremdes Land ist unser Land für die rumäniendeutschen Aussiedlerkinder Ingrid und Uwe. Es ist das Land der Schokolade und Bananen, aber auch das Land, wo die Eltern Arbeit suchen und wo Ingrid und Uwe Freunde finden müssen. Für die beiden ist alles neu und aufregend: die Schule, wo es so ganz anders zugeht, als sie es gewohnt sind; das riesige Warenangebot, das sie fasziniert und verwirrt; vor allem aber die Begegnung mit den Nachbarn, den Mitschülern, den Leuten in der Stadt. Ingrid und Uwe überwinden Scheu und Angst. Sie leben sich ein und sie gewinnen Freunde. |
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Bananen Am Nachmittag gehen Ingrid und Uwe mit den Eltern in die Altstadt von Nürnberg. Die Eltern können sich nicht satt sehen an den alten Häusern. Ingrid und Uwe interessieren sich nicht dafür. Sie sind ungeduldig: Sie wollen Bananen. Deutschland ist das Land der Schokolade und Bananen. Ich weiß nicht, ob das Geld reicht, sagte der Vater, erst morgen bekommen wir Begrüßungsgeld. Er hat 1,75 DM in der Tasche und dann noch etwas rumänisches Geld, das nun wertlos ist. Ingrid und Uwe geben die Hoffnung nicht auf. Vielleicht reicht das Geld doch für vier Bananen. Sie gehen in ein großes Kaufhaus und nehmen einen Einkaufswagen. Sie sehen sich die vielen Lebensmittel an. Die schön verpackten Lebensmittel. So viele Lebensmittel haben sie überhaupt noch nie gesehen. Sie rühren nichts an. Sie stehen still, sehen zu, wie andere Leute einkaufen, dann gehen sie vorsichtig die Regale entlang. Ich denk, ich träume, sagt Ingrid. Sie streckt die Hand nach einem Becher Erdbeerjoghurt aus. Die Erdbeeren will ich, sagte sie. Dann reicht das Geld nicht für die Bananen, sagt Uwe. Ingrid stellt den Joghurt bereitwillig zurück. Ihr müsst mir aber versprechen, sagt sie, dass ihr mir den Erdbeerjoghurt ein andermal kauft. Morgen bekommst du ihn, sagt der Vater. Sie gehen zu den Bananen. Die Bananen hängen an einem Ständer, man kann sich selbst bedienen. Uwe und der Vater lesen die Preise vor: 2,30 DM, 2,80 DM, 1,90 DM, 1,74 DM. Vier Bananen für 1,74 DM. Uwe legt die Bananen in den großen, leeren Einkaufswagen und schiebt ihn zur Kasse. Ingrid ist es übel von den vielen Gerüchen. Waschmittel- und Lebensmittelgerüche. Sie braucht frische Luft. Der Vater zahlt an der Kasse. Er bekommt einen Pfennig zurück. Jedes Kind isst zwei Bananen. Sie essen sie auf der Straße. Die Mutter und der Vater wollen keine Banane. Ich habe mich schrecklich gefühlt, sagt die Mutter. Ich auch, sagt der Vater. Warum?, fragt Ingrid.
Die beste Zahnpaste Die Mutter kocht. Der Vater wäscht. Uwe lernt. Ingrid sieht fern. Mama, komm schnell, ruft Ingrid. Die Mutter geht zu Ingrid ins Zimmer. Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass du dir das blöde Werbefernsehen nicht mehr ansehen sollst, sagt die Mutter. Aber Mama, sagt Ingrid, der Mann hat etwas ganz Wichtiges gesagt. Wenn wir die Zahnpaste benützen, die er in der Hand hält, dann müssen wir nie mehr zum Zahnarzt. Das ist doch Unsinn, sagt die Mutter. Der Mann kann doch nicht einfach lügen, sagt Ingrid. Sie hat Süßigkeiten sehr gern und zum Zahnarzt geht sie gar nicht gern. Bitte kauf die Zahnpaste, bettelt Ingrid. Die Mutter verspricht, die Zahnpaste zu kaufen. Aber Ingrid hat vergessen, wie sie heißt. Vielleicht zeigen sie den Mann mit der Zahnpaste morgen wieder, sagt Ingrid. Die Mutter will in die Küche zurück. Da erscheint auf der Bildfläche eine fröhliche Familie, die Süßigkeiten knabbert und sich danach die Zähne putzt. Und die Fernsehfrau sagt, wer diese Zahnpaste benützt, der kann seinen Kindern ruhig Süßigkeiten geben, denn Karies gibt es trotzdem keine. Dann zeigen alle die Zähne und die sind sehr schön weiß und ohne Karies. Ingrid ist nachdenklich. Komisch, sagt sie, in Rumänien gab es keine solche Zahnpaste und ich musste zum Zahnarzt. Und hier gibt es gleich mehrere und die Anja muss trotzdem zum Zahnarzt.
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